Servus Martinsheim


“Servus Martinsheim“, sagt Kaufbeuren am 8. und 9. Februar.
“Servus Martinsheim“, sagt Kaufbeuren am 8. und 9. Februar.
Mittwoch, 14. Mai 2008

Abschiedsparty für Kaufbeurens langjähriges Multifunktionsgebäude

(25.01.2008) Das volle Vierteljahrhundert war ihm nicht vergönnt. Knapp 25 Jahre hatte das Martinsheim zahlreichen kulturellen und gesellschaftlichen Organisationen ein Zuhause geboten. Im Frühjahr 2008 nun wird es abgerissen und an seiner Stelle ein modernes Bekleidungshaus errichtet.

Die Stadt Kaufbeuren möchte das Gebäude nicht sang- und klanglos verschwinden lassen. Am 8. und 9. Februar gibt es daher bei einer Abschiedsparty für Jung und Alt die Gelegenheit, gemeinsam Abschied zu feiern. Mehrere Musikformationen, Bands, DJ’s und Kulturgruppen werden so an zwei Tagen auf drei Areas zwischen Kaffee, Kuchen und Cocktail-Lounge noch einmal Schwung in das alte Gemäuer bringen.

Der “Last Call”, der letzte Aufruf zum Besuch des geschichtsträchtigen Hauses, beginnt am Freitag, 8. Februar, um 20 Uhr. Auf der Bühne der ehemaligen Turnhalle stehen angesagte Bands aus Kaufbeuren und Umgebung. Sie erinnern nicht zuletzt daran, dass das Martinsheim in den vergangenen Jahrzehnten auch eine Talentschmiede für viele junge kreative Menschen unserer Stadt war. Zu hören sind “Caastn”, “Matt Driven”, “The Leprechauns” und zum Finale “Vokale Küche”, bevor ab etwa 1 Uhr DJ “Selecter Steppes” für die Gäste mit der größten Ausdauer auflegt.

Das Samstagsprogramm am 9. Februar beginnt bereits beim “Nachsitzen” ab 15 Uhr mit einem bunten Angebot, an dem sich die bisherigen Nutzer des Hauses beteiligen. Zu hören und zu sehen sind u.a. Formationen der städtischen Ludwig-Hahn-Sing- und Musikschule, die Gruppe “Just for fun” der “Allgäuer Jazz Initiative”, der Trachtenverein “D’Wertachtaler”, die “Compania Gioccolari”, die Gauklertruppe “Artistica Anam Cara” sowie Ausschnitte aus dem Tom-Waits-Musikprojekt der Kulturwerkstatt. Für das leibliche Wohl sorgen eine Kaffee- und Kuchentheke, für die Unterhaltung der kleinen Besucher das Kinderland. Auch das Ergebnis der kreativen Abschiedsaktion der Musikschule und eine Lichtbildinstallation “Bilder der Geschichte” des Kaufbeurer Kunstförderpreisträgers Johannes Vogl werden zu besichtigen sein.

Gegen 16 Uhr wird sich Oberbürgermeister Stefan Bosse im Namen der Stadt ganz offiziell vom Martinsheim verabschieden. Er bringt zudem einige Überraschungsgäste aus der Politik mit, die so manche Begebenheit aus ihrer Jugendzeit im früheren katholischen Schülerheim zum Besten geben können.

Die bekannte Jazz-BigBand “Horns up” unter dem Kaufbeurer Kulturpreisträger Tiny Schmauch glüht dann um 19 Uhr das Publikum schon mal für den abschließenden “Zapfenstreich” vor. Anschließend liefert die Kaufbeurer Cover-Band “Spielwiese”, die sich u.a. aus Mitgliedern der ehemaligen Gruppe “THC” zusammensetzt, Musik zum Zuhören, Tanzen und Mitmachen. “Spielwiese” ist nicht nur Name, sondern auch Programm: Die Band lädt an diesem Abend alle anwesenden Musikerinnen und Musiker jeglicher Couleur zur Session auf die Bühne. “Ein gemeinsamer Nenner wird sich finden”, zeigt sich Bandleader Maximilian Thomae überzeugt. Nach dem Konzert von “Spielwiese” sorgt DJ “amt für leere räume” für Partystimmung bis tief in die Nacht.

Der Eintritt für die beiden Konzerte “Last Call” und “Zapfenstreich” kostet jeweils 7 EUR. Karten gibt es an der Abendkasse. Ein Zweitagesticket ist für 10 EUR zu haben. Der Eintritt zum “Nachsitzen” am Samstagnachmittag ist frei. Parkmöglichkeiten gibt es am Martinsheim und im nahegelegenen Parkhaus-Central.

Das Martinsheim war in den Jahren 1929/30 als Schülerheim der katholischen Pfarrei St. Martin unter dem damaligen Kaplan Alfons Satzger erbaut worden. Das Franziskanerinnenkloster hatte dem Geistlichen seinen Gemüse- und Obstgarten als Bauplatz zur Verfügung gestellt, wo das Gebäude in einer wirtschaftlich katastrophalen Zeit unter großen privaten finanziellen Opfern errichtet werden konnte.

Es beheimatete zum einen ein Pensionat für die Schüler der damaligen Realschule und des Progymnasiums, zum anderen ein Heim für Lehrlinge und Landwirtschaftsschüler. Eine zeitgenössische Beschreibung spricht von “hellen, lichten Schlafsälen mit modernen Waschräumen, prächtigen Speisesälen und einem Schwimmbad”. Das Haus stand unter der Leitung eines geistlichen Direktors, Haushalt und Küche besorgten Ordensschwestern.
Heimgründer Satzger selbst geriet kurz darauf zunehmend in Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten, deren Hitlerjugend die katholische Jugendarbeit in den Hintergrund zu drängen versuchte. Er überlebte den Zweiten Weltkrieg schwerverletzt und wurde 1946 Kustos der Wallfahrtskirche “Wies”, wo er die noch heute bestehende “Dr.-Georg-Heim-Landvolkshochschule” gründete.

Sein Kaufbeurer Martinsheim musste 1983 wegen mangelnder Rentabilität aufgegeben werden. Die Stadt Kaufbeuren übernahm das Gebäude und gab dort im Laufe der Jahre zahlreichen kulturellen Organisationen ein mittlerweile liebgewonnenes Zuhause. Dazu gehörten u.a. die Sing- und Musikschule, die Volkshochschule, die Tänzelfest-Knabenkapelle, die Stadtkapelle, der Trachtenverein “D’Wertachtaler”, die Pfadfinder oder auch die Kulturwerkstatt.

Nach Bekanntwerden des Verkaufs an das Modeunternehmen Röther hatten sich zahlreiche Bürger bei Oberbürgermeister Stefan Bosse gemeldet und den Wunsch geäußert, sich von dem für Kaufbeuren so wichtigen Haus in öffentlichem Rahmen verabschieden zu können.

Im Überblick

Freitag, 8. Februar, 20 Uhr: “Last Call”
Konzert mit vier Bands und DJ “Selecter Steppes”, Party Area und Cocktail-Lounge. Eintritt 7 EUR, Zweitagesticket 10 EUR.

Samstag, 9. Februar, 15 Uhr: “Nachsitzen”
Programm satt mit Jonglage, Kunst-Installation, Kinderland und zahlreichen Musikgruppen. Eintritt frei.

Samstag, 9. Februar, 19 Uhr: "Zapfenstreich"
Konzert mit “Horns up” und “Spielwiese” & Friends, DJ Torsten, Party Area und Cocktail-Lounge. Eintritt 7 EUR, ermäßigt 5 EUR (ab 18 Uhr), Zweitagesticket 10 EUR.